Ein Kraftiger Schluck Bananenwein

By: Andreas Ross / August 14, 2015

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John Kerry soll heute in Havanna die Fahne der Vereinigten Staaten hissen. Tausende Kubanoamerikaner brennen darauf, ihre Heimat zu erkunden. Aber viele dürfen es immer noch nicht – ihre Eltern verbieten es.

Schon mit fünfzehn Jahren hatte Vanessa Garcia sich in den Kopf gesetzt, nach Kuba zu reisen. Mit Anfang dreißig machte sie ernst. Fidel Castro hatte seinem Bruder Raúl die Regierungsgeschäfte überlassen. Junge Blogger gewährten frische Blicke auf das Inselleben. „Das ist der Anfang vom Ende des Embargos“, dachte Vanessa. Für tausend Dollar kaufte sie zwei Flugtickets von Miami nach Havanna. Auf dem obligatorischen Formular gab sie an, mit ihrer Schwester eine Tante besuchen zu wollen. Barack Obama hatte solche Familientreffen kurz nach seiner Wahl zum Präsidenten erlaubt. Die jungen Frauen buchten ein Hotel und warteten eine Woche ab. Dann erzählten sie ihrer Mutter von der Reise. „Und dann“, erzählt Vanessa Garcia, „war die Hölle los.“


Ein Hauch von alter Heimat: Little Havanna in Miami, Florida.

Fünf Jahre später zeigt Vanessa im Apartment ihrer Mutter und ihres Stiefvaters auf ein altrosa bezogenes Kissen. „Binnen Sekunden nahm Mamas Gesicht diese Farbe an.“ Man saß damals vier Etagen tiefer, im Apartment der Großeltern. Die Oma zeterte: „Dieser Mann ist immer noch da.“ Alles Geld, das man in Kuba ausgebe, lande in Castros Taschen. Der Opa, damals noch Herr seiner Sinne, fragte mit bebender Stimme: „Würdest du auch nach Deutschland reisen, wenn Hitler noch nicht besiegt wäre?“ Ihr Stiefvater erinnerte Vanessa daran, dass er vor Jahrzehnten, als er seinen Vater in Castros Gefängnis besuchte, zwei Amerikaner in dessen Zelle sah. Sie seien als Fischer in kubanische Gewässer geraten und deswegen eingesperrt worden. „Dein Pass rettet dich dort nicht. Denen ist jeder Vorwand recht.“

Am meisten setzte Vanessa die Panik in den Augen ihrer Mutter zu. Jacqueline Diaz-Sampol führte Vanessas Onkel ins Feld, der in Kuba mit Elektroschocks gefoltert wurde und den Verstand verlor. „Unsere Töchter sollten nie vergessen“, erklärt die Mutter ernst, „was wir durchmachen mussten, um dort wegzukommen!“ Sie ließ keine Hintertür offen: Wenn Vanessa und ihre Schwester sich in Castros Gnade begeben wollten, dann nur über ihre Leiche. „Sie meinte das wörtlich“, sagt Vanessa. „Ich fürchtete, dass sie tot umfallen würde.“ Ihre Mutter wirkt heute noch angespannt. „Ich war mit jeder Faser meines Körpers überzeugt“, rechtfertigt sie sich, „dass unsere Familie in Kuba auf der roten Liste steht.“ Vanessa warf die Flugtickets in den Müll. Jetzt will sie sich auch rechtfertigen. „Ansonsten ist Mama total locker“, sagt sie. „Ich wollte einfach nicht, dass sie stirbt.“

Es war nicht das erste Mal, dass Vanessas Neugier auf Kuba von denselben Menschen ausgebremst wurde, die sie ihr erst eingeimpft hatten. Vanessas Mutter war 1961, im Jahr zwei nach der Revolution, als Fünfjährige nach Miami gekommen. Was heute als heimliche Hauptstadt Lateinamerikas gilt, war damals noch rein englischsprachig. Die kleine Jacqueline lernte die Sprache schnell – zu schnell für den Geschmack ihrer Eltern. Also engagierte Vanessas Opa eine ebenfalls aus Kuba geflohene Lehrerin, die mit dem Mädchen Texte vom kubanischen Nationaldichter José Martí las. Als 18 Jahre später Vanessa auf die Welt kam, sprachen ihre Großeltern und Eltern nur Spanisch mit ihr. Erst in der Schule lernte sie die Sprache, in der sie heute Bücher schreibt. „Wir mussten uns zusammenreißen, nicht ins Englische abzugleiten“, erzählt Jacqueline Diaz-Sampol, die mit ihrem zweiten Ehemann Carlos eine Hausverwaltung betreibt. „Aber wir mussten verhindern, dass unsere Töchter ihre Identität verlieren!“ Vanessas Schwester hat kürzlich ein Baby bekommen. Sie will es genauso halten.

Vom ersten Tag ihres Lebens an hörte Vanessa Geschichten über ein Paradies namens Kuba, den herrlichsten Ort der Welt, wo die Menschen fortschrittlich, das Klima perfekt und die Landschaft wie verzaubert sei – und wo ein böser Herrscher sein Unwesen treibe. „Über Fidel habe ich schon im Mutterleib so viel gehört wie über meine Familie“, sagt Vanessa. „Diese Besessenheit verrät viel darüber, was es bedeutet, Kubaner zu sein.“ Dass sie selbst Kubanerin sei, zog sie als Jugendliche nie in Zweifel. Eine einzige Freundin angelsächsischer Herkunft hatte sie in der Schule, die nannten alle „La Americana“. Erst beim Studium in New York machten neue Freunde Vanessa klar, dass sie selbst Amerikanerin sei. Ihre Eltern und Großeltern wollen davon nicht viel wissen. „Nächstes Jahr in Kuba“, sagen sie rituell an jedem Weihnachts-, Neujahrs- oder Geburtstagsfest. Doch jeder Versuch, die 366 Kilometer zwischen Miami und Havanna zu überwinden, scheiterte noch vor der Wohnungstür. Vanessa Garcia begriff, dass es zig Altersgenossen wie ihr erging. 2013 veröffentlichte sie einen Artikel über das „Familien-Embargo“. Darin verglich sie die sture Haltung ihrer Eltern und Großeltern mit den Schikanen des Castro-Regimes, das Kubaner ohne Reisegenehmigung die Insel nicht verlassen ließ. Nur dass Raúl Castro dieses System soeben abgeschafft hatte.

Vom ersten Tag ihres Lebens an hörte Vanessa Geschichten über ein Paradies namens Kuba, den herrlichsten Ort der Welt, wo die Menschen fortschrittlich, das Klima perfekt und die Landschaft wie verzaubert sei – und wo ein böser Herrscher sein Unwesen treibe. „Über Fidel habe ich schon im Mutterleib so viel gehört wie über meine Familie“, sagt Vanessa. „Diese Besessenheit verrät viel darüber, was es bedeutet, Kubaner zu sein.“ Dass sie selbst Kubanerin sei, zog sie als Jugendliche nie in Zweifel. Eine einzige Freundin angelsächsischer Herkunft hatte sie in der Schule, die nannten alle „La Americana“. Erst beim Studium in New York machten neue Freunde Vanessa klar, dass sie selbst Amerikanerin sei. Ihre Eltern und Großeltern wollen davon nicht viel wissen. „Nächstes Jahr in Kuba“, sagen sie rituell an jedem Weihnachts-, Neujahrs- oder Geburtstagsfest. Doch jeder Versuch, die 366 Kilometer zwischen Miami und Havanna zu überwinden, scheiterte noch vor der Wohnungstür. Vanessa Garcia begriff, dass es zig Altersgenossen wie ihr erging. 2013 veröffentlichte sie einen Artikel über das „Familien-Embargo“. Darin verglich sie die sture Haltung ihrer Eltern und Großeltern mit den Schikanen des Castro-Regimes, das Kubaner ohne Reisegenehmigung die Insel nicht verlassen ließ. Nur dass Raúl Castro dieses System soeben abgeschafft hatte.

John Kerry hat seine Reisegenehmigung von Barack Obama bekommen. Wenn er an diesem Freitag Amerikas Fahne über der wieder zur Botschaft gewordenen Interessenvertretung an Havannas Uferpromenade hisst, wird er die Geschichtsträchtigkeit des Augenblicks beschwören. Immerhin ist er Washingtons erster Außenminister seit 1945, der auf die Nachbarinsel fliegt. 51 Prozent der Kubaner in den Vereinigten Staaten finden es gut, dass Obama mit der Blockadepolitik gebrochen hat. Das ergab eine Umfrage im März, gut drei Monate nach den Ankündigungen der Präsidenten Obama und Castro, wieder diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Obama berief sich darauf, dass „eine jüngere Generation von Kubanoamerikanern zunehmend einen Ansatz in Frage stellt, der Kuba vom Rest der Welt abschneidet“. In Miami verläuft die Frontlinie mitten durch Abertausende Familien.

Vor allem von zwei Faktoren, erklärt Jorge Duany von der Florida International University, hänge die politische Haltung der Kubanoamerikaner ab. Erstens neigten diejenigen, die wie Vanessa Garcia in den Vereinigten Staaten geboren wurden, Obamas Öffnungspolitik viel eher zu als die Einwanderer der ersten Generation. Den Versuch, das Castro-Regime mit dem Handels- und Reiseembargo in die Knie zu zwingen, wollten zweitens vor allem die „historischen Exilanten“ fortsetzen, die sich schon vor 1980 in die Vereinigten Staaten absetzten. Die späteren Bootsflüchtlinge ähneln politisch und sozioökonomisch stärker Wirtschaftsflüchtlingen aus anderen Ecken Lateinamerikas. Nur eine Minderheit von ihnen hat sich, wie etwa die Eltern von Vanessa Garcia, eine komfortable Mittelklasseexistenz aufgebaut. Rache an Fidel Castro hat für sie nicht Priorität.

An Solidarität zwischen den Früh- und den Spätankömmlingen aus Kuba mangele es, sagt Duany. Erstere waren meist gut ausgebildet, sprachen passabel Englisch und brachten Kapital mit. Die Flüchtlinge in den späteren Jahren waren von einem entbehrungsreichen Leben gezeichnet – und viele hatten eine dunklere Hautfarbe als die Exilkubaner der ersten Welle. Als sich in Florida am Anfang der achtziger Jahre Unmut über die neue Flutwelle regte, bangten die eingesessenen Kubaner um ihren Status und schotteten sich ab. Obwohl sie längst den kleineren Teil der Kubanoamerikaner ausmachen, geben sie den Ton an. Unternehmer aus ihrer Mitte finanzieren Wahlkämpfe republikanischer Hardliner. Die später eingewanderten Kubaner bekamen zwar auch rasch die amerikanische Nationalität, doch viele haben sich noch nicht einmal als Wähler registriert, geschweige denn um Ämter beworben. So erklärt sich, dass sich alle sieben aus Kuba stammenden Kongressmitglieder in Washington gegen Obamas Öffnungspolitik stemmen.

Eigentlich zählt Vanessa Garcia zur Mehrheit. Zwei von drei Kubanoamerikanern, so der Befund vom März, möchten bald auf die Insel reisen. Doch nur ein Viertel derjenigen, die selbst in Kuba geboren wurden, können sich das zu Lebzeiten der Castros vorstellen. Ein Amerikaner, der Kuba-Reisen organisiert, berichtet von den vielen gestandenen Mittvierzigern, die ihm bedauernd mitteilten, sie könnten die Heimat erst nach dem Tod ihrer Eltern erkunden. Eine ältere Dame erzähle fast jedem, den sie treffe, wie sie ihren Ehering vergraben habe, bevor sie die Insel vor Jahrzehnten verließ. Sie wisse noch genau, wo sie graben müsse. Doch selbst diese Exilantin habe das Angebot ihrer Tochter, mit einer Schaufel nach Havanna zu fliegen, erbost ausgeschlagen. Er kenne zudem ein altes Paar, fällt dem Reiseveranstalter noch ein, das nach sechs Jahrzehnten Ehe auf einmal in getrennten Zimmern schlafe, weil die Frau nach Kuba gereist sei und der Mann ihr das nicht verzeihen könne.

In der Wohnung der Diaz-Sampols hat sich Vanessas Großvater zu der Runde gesellt. Er strahlt, als er hört, dass es um Kuba geht. „Kuba hatte immer die schönsten Landschaften der Welt“, hebt der 92 Jahre alte Severo Rivases sofort an, und die Familie vollendet seinen Satz im Chor: „aber die größten Idioten als politische Führer!“ Tausende Male hat er dieses Machtwort schon gesprochen; manchmal bekommt er es nicht mehr mit, wenn er sich wiederholt. Den alten Machthaber Fulgencia Batista nennt Riveras mit Inbrunst einen „Volltrottel“. Für Batistas Bezwinger Fidel Castro hat er nur ein Kopfschütteln übrig. Rivases war eigentlich Spanier. Als Jugendlicher floh er vor dem Bürgerkrieg. Zu Fuß schlug er sich nach Frankreich durch. Dann kamen Hitlers Truppen, und er floh nach Kuba. Dort zählte er zur Führung der Bäckergewerkschaft, aber anders als den meisten Genossen passte Castro ihm nicht. „Ich bin kein Faschist, ich bin kein Revolutionär, ich bin Anarchist“, sagt Rivases gleich zweimal und grinst. Tochter und Enkelin lächeln. „Meine Eltern erkannten früh“, erklärt Jacqueline Diaz-Sampol, „dass Fidel ein Diktator werden würde. Wie zigtausend andere fürchteten sie, dass er ihnen die Kontrolle über ihre Kinder entreißen wollte.“ Hals über Kopf musste sich Vanessas Opa nach Venezuela absetzen. Eine Aktion gegen Castro war aufgeflogen. Seine Tochter Jacqueline reiste mit ihrer Mutter nach Spanien. In Miami kam die Familie wieder zusammen.

Carlos, Vanessas Stiefvater, hätte als Jugendlicher viel dafür gegeben, dass seine Eltern auch Reißaus genommen hätten. Sein Vater kam ins Gefängnis, als Carlos ein Jahr alt war. „Er arbeitete für die CIA“, sagt Diaz-Sampol. Eines Tages hätten sie seinem Vater gesagt, er werde hingerichtet. „Sie brachten ihn raus und er wurde ohnmächtig.“ Als er wieder zu Bewusstsein gekommen sei, habe er sich nackt in einem Kerker befunden, wo ihm Wasser bis zur Hüfte gestanden habe. Später wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Einmal im Monat begleitete Carlos seine Mutter ins Gefängnis, um ihm Essen zu bringen. Dort schärfte sein Vater ihm ein, dass die Freiheit ein hohes Gut sei, und dass über allem ein Gott wache. Solche Dinge hörte Carlos sonst nicht, denn er wohnte mit seiner Mutter in der Einzimmerwohnung seiner Großeltern – und sein Opa war überzeugter Kommunist. Dank seiner Verbindungen durfte Carlos die Schule besuchen, auf die schon Fidel Castro und Che Guevara ihre Söhne geschickt hatten. „Das war eine Eliteschule, mitten im Sozialismus“ schimpft Diaz-Sampol. „Niemand dort durfte erfahren, dass mein Vater im Gefängnis saß. Niemandem konnte ich vertrauen.“ Und zu Hause, ergänzt seine Frau Jacqueline, „musste Carlos’ Mutter Unterhosen gegen Hühnchen tauschen und so weiter, um durchzukommen.“

Fünfzehn Jahre nach Beginn der Haft gab es plötzlich Hoffnung für den Vater von Carlos Diaz-Sampol. In Washington hatte sich Präsident Jimmy Carter zu Verhandlungen mit Kuba entschlossen, und Fidel Castro war bereit, einige politische Häftlinge loszuwerden. Doch Carlos war gerade 16 Jahre alt geworden, also wehrpflichtig und nicht mehr befugt, das Land zu verlassen. Sein Vater weigerte sich, ohne ihn in die Vereinigten Staaten auszureisen. Wochenlang rangen Carters Diplomaten mit den Kubanern. Carlos’ Großvater, der Kommunist, durfte von alledem nichts mitbekommen. Also gab Carlos vor, ins Sommerlager einberufen worden zu sein. „Sie nannten es Ferienlager, aber es ging um Zwangsarbeit auf den Kartoffelfeldern, und man musste viele Wochen bleiben.“ In Wahrheit versteckte sich der Sechzehnjährige bei einer Tante. Eines Tages beschloss sein Großvater, Carlos im Lager zu besuchen. „Da platzte die Bombe“, sagt Diaz-Sampol. Der Großvater, der ihn zu einem guten Kommunisten erziehen wollte, erfuhr alles. Zum Glück bekamen Carlos und seine Eltern gerade da die nötigen Papiere. 1979 landete die Familie in Miami. „Nur ein Jahr vor den Bootsflüchtlingen“, bemerkt Diaz-Sampol.

Im vorigen November ist Vanessa Garcia nach Havanna geflogen. Mit ihrer Mutter. Seit dem großen Streit vier Jahre zuvor hatte sich Vanessa in Miami mit jungen Dissidenten aus Kuba angefreundet. „Sie sagten alle, ich hätte nichts zu befürchten.“ Einerseits traute Jacqueline Diaz-Sampol den neuen Freunden ihrer Tochter nicht. „Warum durften die Kuba plötzlich verlassen? Da stimmt doch etwas nicht.“ Sie hält sie bis heute für Castro-Spitzel. Andererseits ertappte Vanessas Mutter sich dabei, wie sie selbst einige ihrer Angestellten, die Kuba erst kürzlich verlassen hatten, nach dem Alltag auf der Insel ausfragte. „Ich danke Gott“, sagt sie, „dass junge Leute einem helfen, sich weiterzuentwickeln. Ich war in meiner Angst steckengeblieben.“ Dass ihr Großvater im Alter seinen politischen Scharfsinn verliere, wirft Vanessa leise ein, habe es ihrer Mutter erleichtert, ihre Haltung zu überdenken. Die Neunundfünfzigjährige beruft sich auf den Nationaldichter José Martí. „Unser Wein ist aus Bananen und mag sauer schmecken“, hatte der geschrieben, „aber es ist doch unser Wein!“ Kuba, dämmerte es Vanessas Mutter, ist ihr Land – so, wie es ist.

Carlos Diaz-Sampol ließ sich von der Reiselust nicht anstecken. Amerikas Embargo überzeugt ihn zwar auch nicht mehr. „Aber mein Vater sollte exekutiert werden“, wiederholt er. „Deshalb bin ich Republikaner, und deshalb reise ich nicht in dieses Land.“ Doch der Beschluss seiner Frau stand fest. „Wenn sie meine Tochter einsperren, will ich mit ihr ins Gefängnis gehen“, sagte sie. „Und ich möchte dabei sein, wenn sie ihre ersten Schritte auf Kuba macht.“ Tränen schießen ihr in die Augen, als sie vom Anflug auf Havanna erzählt. Eine Reihe hinter ihr sagte jemand: „So ein kurzer Flug, aber so eine lange Reise!“ Gleichzeitig sah Jacqueline Diaz-Sampol die rote Erde, an die sie sich aus frühen Kindheitstagen zu erinnern meinte. Die Passagiere klatschten, und Vanessas Mutter wurde klar: „Gleich berühre ich kubanischen Boden. Nach 54 Jahren.“ Es war fast zu viel für sie. Vanessa war nach der Ankunft kaum zu bremsen, fragte den Taxifahrer aus, wollte gleich die Stadt erkunden. Ihrer Mutter versagten die Beine. „Ich dachte, ich müsse mich übergeben.“ Doch nach ein paar Stunden fühlte sie sich geborgen. „Kubaner sind einfach Kubaner. Wie zu Hause in Miami.“ Sie fanden die Wohnung, in der Vanessas Stiefvater mit den Großeltern gehaust hatte. „Keine 35 Quadratmeter“, sagt Vanessa Garcia. „Es war unwirklich. Jahrzehntelang hatten wir die Geschichten gehört. Jetzt standen wir mittendrin.“ Danach wagten sie sich in das Haus, wo Jacqueline Diaz-Sampol ihre ersten vier Lebensjahre verbracht hatte. Mit den Augen der Hausverwalterin erschrak sie über den Verfall. Sie begegneten der „vieja del edificio“ – der „Alten“, die sich um das Haus zu kümmern hatte. In den Tagen der Revolution, welche die kleine Jacqueline aus Kuba vertreiben sollte, hatte diese Frau die grüne Uniform getragen und für die Castros gekämpft. Jetzt bat sie die Besucherin aus Miami um Rat. Denn kürzlich hatte jemand eine Wohnung in dem Haus gekauft, um sie wochenweise an Touristen zu vermieten, und die Ausländer scherten sich nicht um Putzdienste und Müllkalender. „Es war zu komisch“, erzählt Vanessa Garcia. „Meine Mutter steht in Havanna und berät eine Altrevolutionärin.“ Jacqueline Diaz-Sampol zuckt mit den Schultern. „Ich war da“, sagt sie, „und ich empfand keinen Hass.“

About Vanessa Garcia

Vanessa Garcia is a writer and mulit-media artist
(www.vanessagarcia.org).